Duplicate entry '54.196.47.128-2017-11-18' for key 'ip' Gedankenchaos | Geschichten
Besucherzähler

Im Gegensatz zu dem braven und lieben Bild, das Anorektikerinnen
von sich zeichnen, hassen sie Familie, Schule und Institutionen. Sie stehen immer draußen, immer abseits, immer am Rande, am weißen Papierrand, wo NICHTS geschrieben steht, in der menschenleeren
Wüste, wo Leben und Tod ineinanderfließen. Die sogenannten Magersüchtigen sind entwurzelte Menschen, Fremde im eigenen Lande, Heimatlose im eigenen Ort, und sie hungern nach den grundsätzlichen
Dingen, nach Liebe und Anerkennung.

(aus: Patricia Bourcillier: Magersucht & Androgynie)



 
Auszug: Annika Fechner - Hungrige Zeiten

Vielleicht ist es eine Sache der Gewohnheit. Wem es über einen längeren Zeitraum einfach immer nur schlecht geht, der beginnt zu vergessen, wie sich <> anfühlt. <> wird zur Norm. Wir wissen nicht mehr, wie es ist, keinen Hunger zu haben, nicht ständig erschöpft zu sein, wie es wäre, Kraft und Energie zu haben. Und keine Angst mehr. Denn wir haben entsetzliche Angst. [...] Sie kommt immer wieder aus einem entlegenem Winkel unseres Gehirns hervor und fällt uns an. Und wir haben beinahe vor allem Angst.

Wir haben Angst die Erwartungen anderer Menschen nicht zu erfüllen. Wir haben Angst, unzulänglich zu sein. Wir haben Angst vor der Waage. Wir haben Angst vor dem Essen. Wir haben Angst jemanden zu enttäuschen oder zu verletzen. Wir haben Angst verlassen zu werden. Wir haben Angst davor, zuzunehmen. Wir haben Angst eine schlechte Tochter, Schwester, Freundin, Mutter, Partnerin, Kollegin zu sein. Wir haben Angst die Kontrolle zu verlieren. (Worüber? Über alles. Unser Leben.) Wir haben Angst dick zu werden. Wir haben Angst zu versagen. Wir haben Angst, dass andere Menschen unser <> erkennen und sich von uns abwenden werden. Wir haben Angst, Hilfe anzunehmen. Wir haben Angst, nicht interessant, witzig, cool...genug zu sein. Wir haben Angst, von anderen Menschen abhängig zu werden. Wir haben Angst, unerwünscht zu sein. Wir haben Angst, nicht krank genug zu sein.[...]

Die Welt, in der wir leben, erscheint und gefährlich und unsicher. Und das ist sie auch! [...]

Essgestörte vertrauen (jedenfalls in der Akutphase) niemandem. Niemandem außer ihrer Essstörung. Sie quält uns, und wir leiden unter ihr, aber wir wissen, wie sie funktioniert, und sie ist uns vertraut. Das schafft Sicherheit.




Selbstmord auf Raten
(aus: Marya Hornbacher - Alice im Hungerland )

Wenn ich dich langweile, so kann ich es nicht ändern.
Wenn ich mich unbeholfen ausdrücke, dann deutet das vielleicht darauf hin, wie kompliziert und schwierig das Thema ist, und wie ernsthaft ich versuche, es so gut es geht zu begreifen;
ganz sicher ist es ein Zeichen meiner Jugend, aufgrund derer ich die sogenannte Kunst, das Handwerk, nicht beherrsche; vielleicht ist es ja auch nur ein Zeichen Mangels an Talent ...
Ein Stück Körper, dass mit den Wurzeln herausgerissen wurde, würde den Punkt vielleicht eher treffen ...
Am Anfang jedoch war es kein unangenehmes Gefühl der Desorientierung; mein Leben zog an mir vorbei - eine Folge von Spiegeln, Schaufenstern, reflektierenden Motorhauben - überall sah mich mein Gesicht an, ich wurde zu zwei Personen;
manchmal konnte ich beim besten Willen den Zusammenhang zwischen dem Bild im Spiegel und mir selbst nicht erkennen.
Plötzlich tauchten überall Spiegel auf ...

Wir verpassten das Leben, weil der Himmel zu groß ist und wir haben uns den Weg aus der Menge gebahnt und wir fangen an zu rennen aus einer Energie die nicht durch Nahrung, sondern durch Wahnsinn gespeist wird. Wir kaufen Nahrungsmittel und essen - und futtern mehr ... fressen unaufhörlich - in der U-Bahn auf dem Nachhauseweg - und die Leute starren uns an.
Wir schleppen uns die Treppe hinauf und stopfen im Zimmer die restlichen Bissen in den Mund an denen wir beinahe ersticken.
Dann stehen wir auf und trinken eine Flasche Brechmittel -
stolz die Kontrolle über uns selbst zu haben.
Völlig nebensächlich die Tatsache, eigentlich in jeder Weise nurnoch Blut von sich zu geben.
Ich lag da, gekrümmt wie ein Fötus, es schien meinen Magen zu zerreissen und ich betete mit aller Macht "lieber Gott, lass mich kotzen oder sterben"
>kotzen oder sterben<
und ich fing an zu kotzen und mir wurde schwarz vor Augen.

Plötzlich lichtet sich der Nebel: "Geben sie den linken Arm!"
"Nehmen sie den rechten, im linken habe ich keine Venen mehr" sage ich. "Wir müssen den linken nehmen" sagen sie (warum auch immer). Meine Panik steigt. Jemand legt die Aderpresse um den Arm. Ich sage lauter: "DIE VENEN IN DIESEM ARM SIND ZERSTÖRT"
Sie sagen nur: "Machen sie eine Faust!"
Die Nadel rührt in meinem Arm herum, stochert vergeblich nach einer Vene für die künstliche Ernährung...
Eine Arzthelferin sagt: "Keinen Venen"
(was sie nicht sagen, keine Venen!)
Die Aderpresse wird nun um den Unterarm gezogen - erneut : "Machen sie eine Faust"
ich sage: "Bitte nicht in die Hand"
sie sagen: "Machen sie eine Faust"
Ich mache die Faust so gut es geht. Die Nadel gleitet in meine Hand und ich lausche, wie mein Protest leise verklingt;
dies ist die Stunde, an die man sich erinnert, wenn man sie überlebt - wie Erfrierende sich an den Schnee erinnern - erst kalt - dann Erstarrung - dann loslassen.
Wenn ich zu einem anderen Zeitpunkt geboren wäre, wenn das Hungern nicht eine so ideale Methode gewesen wäre,
den Schmerz des Lebens von sich fernzuhalten; wenn jemand, der sich zu Tode hungert, nicht auch noch von der Gesellschaft belohnt würde -
Oh, du siehst toll aus, du hast abgenommen!
und wenn ich vielleicht ein anderer Mensch ein weniger leicht zu beeindruckender, weniger intensiver, weniger abhängiger von Wahrnehmungen der anderen gewesen wäre,
dann vielleicht hätte ich nicht an die in unserer Kultur so verbreitete Weisheit geglaubt, das man alles schaffen kann, wenn man nur schlank genug ist.

-
Sterben ist eine Kunst - wie alles.
Ich kann es besonders schön,
ich kann es so, dass es die Hölle ist, es zu sehen.
Ich kann es so,dass man wirklich fühlt,
es ist echt.




Bitte höre, was ich nicht sage

(Aus: Tobias Brocher: Von der Schwierigkeit zu lieben)

Bitte höre, was ich nicht sage! Laß Dich nicht von mir narren. Laß Dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache, denn ich trage Masken, Masken, die ich fürchte, abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber laß Dich dadurch nicht täuschen. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles heiter in mir, und so als brauchte ich niemanden. Aber glaub mir nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske. Darunter bin ich, wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und allein. Aber ich verberge das. Ich möchte nicht, daß es jemand merkt. Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik und fürchte mich davor, mich anderen überhaupt auszusetzen.

Gerade deshalb erfinde ich verzweifelt Masken, hinter denen ich mich verbergen kann: eine lässige Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung. Und ich weiß es.

Wenn es jemand wäre, der mich annimmt und mich liebt... Das ist das einzige, das mir Sicherheit geben würde, die ich mir selbst nicht geben kann: daß ich wirklich etwas wert bin. Aber das sage ich Dir nicht. Ich wage es nicht. Ich habe Angst davor.

Ich habe Angst, daß Dein Blick nicht von Annahme und Liebe begleitet wird. Ich fürchte, Du wirst gering von mir denken und über mich lachen. Und Dein Lachen würde mich umbringen. Ich habe Angst, daß ich tief drinnen in mir nichts bin, nichts wert, und daß Du das siehst und mich abweisen wirst.

So spiele ich mein Spiel, mein verzweifeltes Spiel: eine sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen. Ich rede daher im gängigen Ton oberflächlichen Geschwätzes. Ich erzähle Dir alles, was wirklich nichts ist, und nichts von alledem, was wirklich ist, was in mir schreit; deshalb laß Dich nicht täuschen von dem, was ich aus Gewohnheit rede.

Bitte höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was ich gerne sagen möchte, was ich aber nicht sagen kann. Ich verabscheue dieses Versteckspiel, das ich da aufführe. Es ist ein oberflächliches, unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt und spontan sein können, einfach ich selbst, aber Du mußt mir helfen. Du mußt Deine Hand ausstrecken, selbst wenn es gerade das letzte zu sein scheint, was ich mir wünsche. Nur Du kannst mich zum Leben rufen.

Jedesmal, wenn Du freundlich und gut bist und mir Mut machst, jedesmal, wenn Du zu verstehen suchst, weil Du Dich wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel, sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel!

Dein Gespür und die Kraft Deines Verstehens, geben mir Leben. Ich möchte, daß Du das weißt. Ich möchte, daß Du weißt, wie wichtig Du für mich bist, wie sehr Du aus mir den Menschen machen kannst, der ich wirklich bin, wenn Du willst.

Bitte, ich wünschte Du wolltest es. Du allein kannst die Wand niederreißen, hinter der ich zittere, Du allein kannst mir die Maske abnehmen. Du allein kannst mich aus meiner Schattenwelt, aus Angst und Unsicherheit befreien, aus meiner Einsamkeit.

Übersieh mich nicht. Bitte übergeh mich nicht! Es wird nicht leicht für Dich sein. Die langandauernde Überzeugung, wertlos zu sein, schafft dicke Mauern. Je näher Du mir kommst, desto blinder schlage ich zurück. Ich wehre mich gegen das, wonach ich schreie. Aber man hat mir gesagt, daß Liebe stärker sei als jeder Schutzwall und darauf hoffe ich.

Wer ich bin, willst Du wissen? Ich bin jemand, den Du sehr gut kennst und der Dir oft begegnet.




Irgendwie anders

(Kathryn Cave)

Auf einem hohen Berg, wo der Wind pfiff, lebte ganz allein und ohne einen einzigen Freund. Irgendwie Anders.

Er wusste, dass er irgendwie anders war, denn alle fanden das. Wenn er sich zu ihnen setzen wollte. Oder mit ihnen spazieren gehen. Oder mit ihnen spielen wollte, dann sagten sie immer: "Tut uns leid, du bist nicht wie wir. Du bist irgendwie anders. Du gehörst nicht dazu."

Irgendwie Anders tat alles, um wie die anderen zu sein.

Er lächelte wie sie und sagte "hallo".
Er malte Bilder.
Er spielte, was sie spielten (wenn er durfte).
Er brachte sein Mittagessen auch in einer Papiertüte mit.

Aber es half nichts.

Er sah nicht so aus wie die anderen und er sprach nicht wie sie.
Er malte nicht so wie sie.
Und er spielte nicht so wie sie.
Und was er für komische Sachen aß!

"Du gehörst nicht hierher", sagten alle. "Du bist nicht wie wir, du bist irgendwie anders!"

Irgendwie Anders ging traurig nach Hause. Er wollte gerade schlafen gehen, da klopfte es an der Tür. Draußen stand jemand - oder etwas.

"Hallo!" sagte es. "Nett, dich kennen zu lernen. Darf ich bitte reinkommen?"

"Wie bitte?", sagte Irgendwie Anders.

"Guten Tag!", sagte das Etwas und hielt ihm die Pfote hin - das heißt, eigentlich sah sie mehr wie eine Flosse aus.

Irgendwie Anders starrte auf die Pfote. "Du hast dich wohl in der Tür geirrt", sagte er.

Das Etwas schüttelte den Kopf. "Überhaupt nicht, hier gefällt's mir. Siehst du..."

Und ehe Irgendwie Anders auch nur bis drei zählen konnte, war es schon im Zimmer...

... und setzte sich auf die Papiertüte. "Kenn ich dich?", fragte Irgendwie Anders verwirrt.

"Ob du mich kennst?", fragte das Etwas und lachte. "Natürlich! Guck mich doch mal ganz genau an, na los doch!"

Und Irgendwie Anders guckte. Er lief um das Etwas herum, guckte vorn, guckte hinten.
Und weil er nicht wußte, was er sagen sollte, sagte er nichts.

"Verstehst du denn nicht!", rief das Etwas. "Ich bin genau wie du! Du bist irgendwie anders - und ich auch."

Und es streckte wieder seine Pfote aus und lächelte. Irgendwie anders war so verblüfft,
dass er weder lächelte noch die Pfote schüttelte.

"Wie bin ich?" sagte er. "Du bist doch nicht wie ich! Du bist überhaupt nicht wie irgendwas, das ich kenne. Tut mir leid, aber jedenfalls bist du nicht genauso irgendwie anders wie ich!" Und er ging zur Tür und öffnete sie. "Gute Nacht!"

Das Etwas ließ langsam die Pfote sinken. "Oh!", machte es und sah sehr klein und sehr traurig aus. Es erinnerte Irgendwie Anders an irgendwas, aber er wusste einfach nicht, woran. Das Etwas war gerade gegangen, da fiel es ihm plötzlich ein.

"Warte!", rief Irgendwie Anders. "Geh nicht weg!" Er rannte hinterher, so schnell er konnte. Als er das Etwas eingeholt hatte, griff er nach seiner Pfote und hielt sie ganz, ganz fest. "Du bist nicht wie ich, aber das ist mir egal. Wenn du Lust hast, kannst du bei mir bleiben."

Und das Etwas hatte Lust. Seitdem hatte Irgendwie Anders einen Freund.

Sie lächelten und sagten "hallo".
Sie malten zusammen Bilder.
Sie spielten das Lieblingsspiel des anderen - jedenfalls probierten sie es...
Sie aßen zusammen.
Sie waren verschieden, aber sie vertrugen sich.

Und wenn einmal jemand an die Tür klopfte, der wirklich sehr merkwürdig aussah, dann sagten sie nicht "Du bist nicht wie wir" oder "Du gehörst nicht dazu". Sie rückten einfach ein bisschen zusammen.

 




Die Insel der Gefühle

Vor langer Zeit existierte einmal eine wunderschöne, kleine Insel. Auf dieser Insel waren alle Gefühle der Menschen zu Hause: Der Humor und die gute Laune, die Traurigkeit und die Einsamkeit, das Glück und das Wissen und all die vielen anderen Gefühle. Natürlich lebte auch die Liebe dort.

Eines Tages wurde den Gefühlen jedoch überraschend mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also machten alle ihre Schiffe seeklar, um die Insel zu verlassen. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Augenblick warten, denn sie hing sehr an ihrer Insel.

Bevor die Insel sank, bat die Liebe die anderen um Hilfe.

Als der Reichtum auf einem sehr luxuriösen Schiff die Insel verließ, fragte ihn die Liebe: "Reichtum, kannst du mich mitnehmen?"

"Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich sehr viel Gold, Silber und Edelsteine. Da ist kein Platz mehr für dich."

Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam. "Stolz, bitte, kannst du mich mitnehmen?"

"Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen", antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt und du könntest mein schönes Schiff beschädigen."

Als nächstes fragte die Liebe die Traurigkeit: "Traurigkeit, bitte nimm du mich mit."

"Oh Liebe", sagte die Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich allein bleiben muss."

Als die gute Laune losfuhr, war sie so zufrieden und ausgelassen, dass sie nicht einmal hörte, dass die Liebe sie rief.

Plötzlich aber rief eine Stimme: "Komm Liebe, ich nehme dich mit."

Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie ganz und gar vergaß, ihren Retter nach seinem Namen zu fragen.

Später fragte die Liebe das Wissen: "Wissen, kannst du mir vielleicht sagen, wer es war, der mir geholfen hat?"

"Ja sicher", antwortete das Wissen, "das war die Zeit."

"Die Zeit?" fragte die Liebe erstaunt, "Warum hat mir die Zeit denn geholfen?"

Und das Wissen antwortete: "Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist."




Jeder Tag, jede Stunde sowie jede Minute ist etwas Besonderes

Mein bester Freund öffnete die Kommodenschublade seiner Ehefrau und holte ein in Seidenpapier verpacktes Päckchen heraus. Es ist nicht irgendein Päckchen, sondern ein Päckchen mit Unterwäsche darin. Er warf das Papier weg und betrachtete die Seide und die Spitze. "Dies kaufte ich, als wir zum ersten Mal in New York waren. Das ist jetzt 8 oder 9 Jahre her. Sie trug es nie. Sie wollte es für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Und jetzt, glaube ich, ist der richtige Moment gekommen." Er näherte sich dem Bett und legte die Unterwäsche zu den anderen Sachen, die von dem Bestattungsinstitut mitgenommen wurden. Seine Frau war gestorben. Als er sich zu mir umdrehte, sagte er: "Bewahr nichts für einen besonderen Anlass auf; jeder Tag den du lebst, ist ein besonderer Anlass." Ich denke immer noch an diese Worte.....sie haben mein Leben verändert. Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger. Ich setze mich auf meine Terrasse und geniesse die Landschaft, ohne auf das Unkraut im Garten zu achten. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und weniger Zeit bei der Arbeit. Ich habe begriffen, dass das Leben eine Sammlung von Erfahrungen ist, die es zu schätzen gilt. Von jetzt an bewahre ich nichts mehr auf. Ich benutze täglich meine Kristallgläser. Wenn mir danach ist, trage ich meine neue Jacke, um in den Supermarkt zu gehen. Auch meine Lieblingsdüfte trage ich dann auf, wenn ich Lust darauf habe, anstatt sie für Festtage aufzuheben. Sätze, wie z.B. ,Eines Tages....' oder ,An einem dieser Tage...' sind dabei, aus meinem Vokabular verbannt zu werden. Wenn es sich lohnt, will ich die Dinge hier und jetzt sehen, hören und machen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Frau meines Freundes gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie morgen nicht mehr sein wird (ein 'Morgen', das wir oft zu leicht nehmen). Ich glaube, dass sie noch ihre Familie und engen Freunde angerufen hätte. Vielleicht hatte sie auch ein paar alte Freunde angerufen, um sich zu versöhnen oder sich für alte Streitigkeiten zu entschuldigen. Der Gedanke, dass sie vielleicht noch chinesisch essen gegangen wäre (ihre Lieblingsküche), gefällt mir sehr. Es sind diese kleinen unerledigten Dinge, die mich sehr stören würden, wenn ich wüsste, dass meine Tage gezählt sind. Genervt wäre ich auch, gewisse Freunde nicht mehr gesehen zu haben, mit denen ich mich ,an einem dieser Tage' in Verbindung hatte setzen sollen. Genervt, nicht die Briefe geschrieben zu haben, die ich 'an einem dieser Tage' schreiben wollte. Genervt, meinen Nächsten nicht oft genug gesagt zu haben, wie sehr ich sie liebe. Jetzt verpasse, verschiebe und bewahre ich nichts mehr, was uns Freude und Lächeln in unser Leben bringen konnte. Ich sage mir, dass jeder Tag etwas Besonderes ist.... jeder Tag, jede Stunde sowie jede Minute ist etwas Besonderes.


 



Das Geheimnis der Zufriedenheit

Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister.
"Herr", fragten sie "was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du."
Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: "Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich."
Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: "Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?"
Es kam die gleiche Antwort: "Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich."
Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu: "Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein."


[ Besucher-Statistiken *beta* ]